Universität St. GallenFuture Society Hub
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Fachgespräch „Social Media goes Social“

Social Media
Plattformen regulieren.

Soziale Medien lassen sich durch konkrete techno-rechtliche Eingriffe gestalten.

Prof. Dr. Aurelia Tamò-Larrieux und Prof. Dr. Simon Mayer

Universität St. Gallen
Konrad-Adenauer-Stiftung, 4. November 2026

futuresociety.ch/event-slides/
kas-social-media-goes-social
Wer wir sind

Informatik trifft Recht.

Aurelia Tamò-Larrieux

Prof. Dr. Aurelia Tamò-Larrieux

Professur für Recht & Technologie

Universität St. Gallen

Google Scholar ↗
01 / Regulierungsansätze

Wo Regulierung ansetzen kann.

Die vier regulatorischen Hebel am Beispiel eines Social-Media-Feeds Alle Inhalte laufen durch den Empfehlungsalgorithmus der Plattform (Hebel III), der sie schrittweise filtert und auf den KPI User Engagement optimiert (Hebel IV). Der gefilterte Feed erscheint auf einem Smartphone mit Endlos-Scroll (Hebel III). Eine Person greift nach dem Smartphone, eine Uhr steht für Zugangsbarrieren wie Zeit- oder Altersgrenzen (Hebel II). Die Interaktionen der Person fließen als Daten an den Algorithmus und über Teilen und Reagieren an andere Nutzerinnen und Nutzer zurück, deren neue Inhalte wieder in den Pool gelangen. Systemrisiken (Hebel I) entstehen bei der einzelnen Person, in der Rückkopplungsschleife und im System als Ganzem, das ein Rahmen um die gesamte Abbildung markiert. Alle Inhalte Empfehlungsalgorithmus der Plattform Profiling Ranking Auswahl KPI ≈ User Engagement optimiert auf Für dich Endlos-Scroll Zugangsbarrieren Interaktionsdaten Teilen & ReagierenCommunity neue Inhalte Rückkopplung III II IIIIII IV
ISystemrisikenIIZugangsbarrierenIIIGezieltes DesignIVPlattform-KPIs
02 / Hebel I

Transparenz schafft Evidenz.
Aber Plattformen benoten sich selbst.

ISystemrisiken
IIZugangsbarrieren
IIIGezieltes Design
IVPlattform-KPIs

Plattformen bewerten und mindern ihre Risiken selbst.

  • Jährliche Risikobewertung: Diskurs, Wahlen, psychische Gesundheit
  • Datenzugang für Forschende (Art. 40)
  • Jährliche unabhängige Prüfung (Art. 37)
  • Nur sehr große Plattformen
+
  • Erste kausale Feed-Experimente im Wahlkampf, dank Plattformdaten1
  • Simulierte Konten messen unabhängig, was Feeds ausspielen2
−
  • Risikoberichte bleiben vage und ohne Evidenz3
  • Der Forschungsdatenzugang liefert unvollständige Daten4
Geltendes Recht konsequent durchsetzen.
03 / Hebel II

Altersgrenzen sind sichtbar.
Ihre Wirkung ist begrenzt.

ISystemrisiken
IIZugangsbarrieren
IIIGezieltes Design
IVPlattform-KPIs

Hält bestimmte Gruppen von bestimmten Feeds fern, ohne die Mechanismen zu regeln.

  • Mindestalter mit Alterskontrolle
  • Datenschutzfreundlich: EUDI-Wallet, Zero-Knowledge-Beweise
  • Zeitsperren, z. B. nachts: Meta-Vergleich in den USA1
  • Australien: Sperre unter 16 seit Dezember 2025
  • KIDS Act: unter 13 kein Zugang, bis 15 Elternkonten2
+
  • Einfach und politisch sichtbar
  • Facebook-Zugang verschlechterte die psychische Gesundheit von Studierenden3
−
  • Australien: Nutzung sinkt nur von 78 auf 69 %4
  • Alterskontrollen gefährden Daten: rund 70 000 Ausweisfotos offengelegt5
  • Digitale Nutzung erklärt höchstens 0,4 % des Wohlbefindens6
Datenschutzfreundlich. Nicht an das Lebensalter gekoppelt. Ergänzende Massnahme
04 / Hebel III

Kleine Designentscheidungen.
Messbare Folgen.

ISystemrisiken
IIZugangsbarrieren
IIIGezieltes Design
IVPlattform-KPIs

Regelt konkrete Mechanismen von Interface und Algorithmus.

  • Interface: Endlos-Scroll, Autoplay, Likes, Push
  • Algorithmus: Ranking, Feed ohne Profiling, Public Value
  • Feste Vorgaben oder offene Schnittstellen
  • Erprobt: Amsterdam1,2, USA3,4, China5; umgekehrter „Brussels-Effekt“6
+
Interface
  • Gebündelte Benachrichtigungen: bessere Stimmung7
  • Ohne Autoplay: mehr Selbstbestimmungsgefühl8
Algorithmus
  • Chronologischer Feed: weniger Nutzungszeit9
  • Re-Ranking per Browser-Erweiterung: weniger Polarisierung10
  • Feed ohne Profiling ist Pflicht11, Gerichte setzen die Wahl durch2
−
  • Belege nur für einzelne Eingriffe
  • Eingriff in Wirtschaftsfreiheit
  • Feste Vorgaben hinken neuen Funktionen hinterher
Regulieren heißt nicht, Code vorzuschreiben. Entscheidend ist die Wirkung, und die ist prüfbar12,13.
05 / Hebel IV

Beweislast umkehren.
Anreize für gutes Design.

ISystemrisiken
IIZugangsbarrieren
IIIGezieltes Design
IVPlattform-KPIs

Setzt an den Optimierungszielen an: heute Engagement und Werbeumsatz.

  • Neue Messgrößen: Wohlbefinden statt Verweildauer
  • Haftung, Sorgfaltspflicht, Abgaben
  • Feed und Hosting trennen1
  • Öffentliche Plattform als Alternative2
Heute

Gesellschaft und Forschung müssen nachweisen, dass ein Design schadet.

  • Effekte sind klein und einem Feed kaum zuzuordnen3
  • Haftung greift kaum, denn Engagement treibt Gewinn und Schaden zugleich2
Mit Hebel IV

Plattformen zeigen, dass ihr Design gut ist, und werden dafür belohnt.

  • KPIs an gesellschaftlichen Zielen ausrichten, z. B. Wohlbefinden statt Verweildauer
  • Anreize statt Verbote
Dass die Zielgröße zählt, ist belegt: Engagement-Ranking verstärkt Feindseligkeit4, der X-Algorithmus verschiebt Einstellungen5.
06 / Kombination

Die Hebel
wirken zusammen.

Zielzone
Evidenz starkEvidenz schwachWirkung schnellWirkung langsam
IIIGezieltes Design
IVPlattform-KPIs
ISystemrisiken
IIZugangsbarrieren
I
Systemrisiken

Jetzt durchsetzen

Vollständige Risikoberichte, echter Datenzugang, Prüfung von außen.

II
Zugangsbarrieren

Ergänzend

Datenschutzfreundlich, nicht an das Alter gekoppelt.

III
Gezieltes Design

Gezielt einsetzen

Wo Evidenz vorliegt. Neue Evidenz in Deutschland schaffen.

IV
Plattform-KPIs

Langfristig vorbereiten

Moderate Varianten jetzt prüfen.

Ein „Recht auf Anpassung“1 verbindet die Hebel: Nutzerinnen und Nutzer wählen Varianten eines Dienstes, deren Wirkung messbar wird.
07 / Was tun wir jetzt?

Was tun wir jetzt?
Ein Vorschlag.

Die Hebel helfen, konkrete Maßnahmen ins bestehende Recht einzubringen.

01 / Hebel I

Feed-TÜV

Feeds unabhängig messen und prüfen. Wer besteht, erhält eine Prüfplakette.

02 / Hebel III

Not addictive by default

Lockrufe per Voreinstellung aus.

03 / Hebel III

Sichtbare Trade-offs

Informiert zwischen Feeds wählen.

04 / Hebel IV

Werbewert-Abgabe mit Bonus

Wer sicher gestaltet, zahlt weniger.

Bildung für alle Jede Person versteht, wie Empfehlungssysteme funktionieren.
08 / Vorschlag 1

Strukturierte Datensammlung
und Feed-TÜV.

→Unabhängige Stelle mit Mandat und Budget
→Simulierte Konten messen, was Feeds ausspielen, z. B. einer 14-Jährigen in Leipzig
→Feed-Bericht monatlich, vor Wahlen wöchentlich
→Prüfplakette mit Ablaufdatum, wie bei der Hauptuntersuchung
Warum unabhängig messen?
27 von 51

Anträgen auf Datenzugang abgelehnt1

0 %

der problematischen Beiträge in den Forschungsschnittstellen2

Misst nur, löscht nichts, legt Methoden und Daten offen.
09 / Vorschlag 2

Not addictive
by default.

PER VOREINSTELLUNG AUS
Push-BenachrichtigungenNachrichten echter Personen bleiben erlaubt, auf Wunsch gebündelt zu festen Zeiten4
Dark PatternsLockrufe und manipulatives Design, z. B.:
→Lock-Benachrichtigungen„Du hast etwas verpasst!“
→Streaks mit Verlustdrohung„Komm auf die Plattform, sonst …“
→Künstliche Countdowns„Nur noch 9 Sekunden, damit du …“
→Beschämende Ablehnungstexte„Nein danke, ich will lieber etwas verpassen.“
→Wiederholtes Nachfragen„Wolltest du wirklich nicht …?“
95 %

der populären Apps nutzen Dark Patterns1

EU, 2026: TikToks Design verstößt vorläufig gegen den DSA2

Meta, 2026: nächtliche Sperren für Minderjährige3

Per Voreinstellung aus, nur durch aktive Entscheidung änderbar. Durchsetzung über Feed-TÜV, Verbandsklagen und Digital Fairness Act.
10 / Vorschlag 3

Sichtbare Trade-offs.
Informiert wählen.

Engagement-Feeds können extreme Inhalte verstärken1. Wer zwischen Feeds wählt, soll informiert wählen.

Feed ohne geteilte Beiträge2
+weniger Desinformation
−weniger Nachrichten
Chronologischer Feed3
+weniger Beleidigungen
−mehr unzuverlässige Quellen
Weniger Profiling4
+weniger Datenauswertung
−unpassendere Werbung
Bridging- und Public-Value-Feeds5: wählbar, aber keine Pflicht.
Nächster Schritt: eine großangelegte Studie zu Ranking-Methoden.
11 / Vorschlag 4

Werbewert-Abgabe
mit Bonus.

→Logik umdrehen: Statt nachzuweisen, dass Plattformen schaden, erhalten sie einen Anreiz, es besser zu machen
→Abgabe auf Werbeumsätze sehr großer Plattformen in Deutschland, wie in Österreich
→Mit gültiger Feed-TÜV-Plakette sinkt der Satz deutlich
→Einnahmen für Bildung, Forschung und den Feed-TÜV
Satz
Hoch (z. B. 5–10 %)

vgl. Österreich und „Plattform-Soli“

Tief (z. B. 1–3 %)

mit gültiger Prüfplakette

Wer sicher gestaltet, zahlt weniger.
12 / Vorschlag 5

Bildung zu Empfehlungssystemen:
alle erreichen.

01

Für alle

Von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung.

02

Kompakt

30 bis 45 Minuten, standardisierte, frei zugängliche Materialien.

03

Konkret

Wie ein Feed auswählt, worauf er optimiert, wie Lockrufe wirken.

13 / Zusammenfassung

Am Produkt ansetzen,
nicht an Verboten.

ISystemrisiken
IIZugangsbarrieren
IIIGezieltes Design
IVPlattform-KPIs

Feed-TÜV

Unabhängig messen und prüfen.

Ergänzend

Datenschutzfreundlich, nicht an das Alter gekoppelt.

Not addictive by default

Lockrufe aus.

Sichtbare Trade-offs beim Feed.

Werbewert-Abgabe mit Bonus

Wer sicher gestaltet, zahlt weniger.

Bildung zu Empfehlungssystemen für alle verbindet die Vorschläge: Technische Machbarkeit × rechtliche Durchsetzbarkeit.
14 / Ausblick

Neue Technologien,
neue Herausforderungen.

01

Die nächste Plattform

KI-Chatbots prägen zunehmend „künstlich-soziale“ Interaktionen. ChatGPT Search ist seit August 2026 eine sehr große Suchmaschine nach dem DSA.1

02

Bekannte Probleme

Systemrisiken und Designs, die zu mehr Interaktion verlocken: Die Hebel I–IV lassen sich übertragen.

03

Evidenz fehlt

Hier braucht es noch dringender wissenschaftliche Belege, vor allem zu Langzeiteffekten.

Bei sozialen Medien lag die Evidenz zu lange bei den Plattformen. Bei KI-Chatbots sollten unabhängige Stellen von Anfang an messen können, wie sie wirken.
CoCoDa / Danke

Vielen Dank.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung verteilt im Anschluss ein Whitepaper, das unsere grobe Übersicht um einige Details ergänzt.

CoCoDa: Addressing systemic risks of dominant online platforms
Universität St. GallenFuture Society HubCoCoDa
Anhang

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